Pro und Contra: Länder einfach angreifen und Staatsoberhäupter einfach umbringen

Am 28. Februar 2026 wurde der iranische Oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei bei einem gemeinsamen Luftangriff von Israel und den Vereinigten Staaten getötet. Doch was noch erschreckender ist als die Tat selbst, ist die unverhohlene Drohung, die folgte: Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärte öffentlich, dass jeder Nachfolger Khameneis ebenfalls zum „sicheren Ziel für eine Ermordung“ werde – „egal wie er heißt oder wo er sich versteckt“.

Diese Entwicklung wirft eine existenzielle Frage auf: Haben wir es mit einer neuen Ära des internationalen Rechtsbruchs zu tun, bei der die Ermordung von Staatsoberhäuptern zur legitimen Politikoption wird?

Die „Pro“-Argumente: Prävention, Sicherheit, Vergeltung

Die Befürworter solcher Anschläge bedienen sich einer scheinbar einfachen Logik. Sie argumentieren, dass Khamenei und die iranische Regierung eine „existenzielle Bedrohung“ für Israel darstellten, wie Premierminister Benjamin Netanyahu wiederholt betonte.

Die Unterstützung der Regierung für militante Gruppen wie Hamas, die Hisbollah und die Huthis wird als direkte Kriegsführung gewertet. Aus dieser Perspektive ist die gezielte Tötung von Führungspersönlichkeiten eine Form der Selbstverteidigung – präventiv, präzise und vermeintlich effektiv.

Hinzu kommt das Argument der Vergeltung. Seit den Angriffen der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat Israel seine Zielsetzung erweitert. Die Ermordung von Hamas-Führer Ismail Haniyeh im Juli 2024 und Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah im September 2024 markierten den Übergang zu einer Strategie, die auch die oberste Führungsebene des „Achsenwiderstands“ einbezieht. Wer Terror unterstützt, so die Argumentation, müsse mit dem eigenen Tod rechnen.

Doch diese „Pro“-Argumente verfangen bei näherer Betrachtung nicht. Sie ignorieren völkerrechtliche Grundprinzipien, untergraben die internationale Ordnung und erweisen sich als strategisch kontraproduktiv.

Die Contra-Argumente: Ein Angriff auf das Fundament der Zivilisation

Völkerrechtlicher Tabubruch

Die gezielte Tötung eines Staatsoberhaupts – selbst im Kontext eines bewaffneten Konflikts – stellt einen schwerwiegenden Verstoß gegen das Völkerrecht dar. Während das humanitäre Völkerrecht (IHL) die gezielte Tötung von Kombattanten grundsätzlich erlaubt, genießen Staatsoberhäupter einen besonderen Schutzstatus. Das Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung von Straftaten gegen international geschützte Personen von 1973 stellt Angriffe auf Staatsoberhäupter unter Strafe.

Selbst im Rahmen eines bewaffneten Konflikts ist die Tötung von Staatsoberhäuptern problematisch, wenn sie nicht unmittelbar an Kampfhandlungen beteiligt sind. Khamenei, als oberster politischer und geistlicher Führer, war zwar Oberbefehlshaber der Streitkräfte, befand sich jedoch nicht am Ort aktiver Kampfhandlungen. Die Attacke auf seinen Komplex in Teheran war daher rechtlich gesehen eher als Extralegale Hinrichtung denn als legitime Kriegshandlung zu werten.

Die Zerstörung der internationalen Ordnung

Noch alarmierender als die Tat selbst ist die Drohung gegen potenzielle Nachfolger. Katz‘ Aussage, dass jeder neue Führer, der „den Plan zur Zerstörung Israels weiterführt“, zum Ziel werde, offenbart eine neue Qualität des internationalen Rechtsbruchs. Dies ist nicht mehr die Reaktion auf eine konkrete Bedrohung, sondern die offene Androhung dauerhafter Ermordungspolitik. Es ist die Institutionalisierung des Tyrannenmords als staatliche Strategie – ein Konzept, das seit dem 17. Jahrhundert als völkerrechtlich verpönt gilt .

Die Konsequenzen sind verheerend. Wenn Staaten das Recht in die eigene Hand nehmen und fremde Regierungen durch Gewalt stürzen dürfen, zerbricht das System der kollektiven Sicherheit. Die Vereinten Nationen, die gerade dazu geschaffen wurden, gewaltsame Konfliktlösungen zu verhindern, werden ad absurdum geführt. US-Präsident Donald Trump, der die Tötung Khameneis bestätigte und über den gewünschten Charakter künftiger iranischer Führung spekulierte, untergräbt damit selbst die Institutionen, die den Westen einst auszeichneten.

Moralische Bankrotterklärung

Die Ermordung von Staatsoberhäuptern ist nicht nur illegal, sondern auch moralisch verwerflich. Selbst im Rahmen der Gerechtigkeitslehre des Krieges (Just War Theory) gilt der Tyrannenmord heute als illegitim, sofern nicht extreme humanitäre Katastrophen verhindert werden können – ein Kriterium, das hier nicht erfüllt ist. Die Tötung Khameneis diente nicht der Rettung Unschuldiger, sondern der strategischen Schwächung eines politischen Gegners.

Besonders perfide ist die Tatsache, dass der Angriff an einem Samstagmorgen während des Ramadans erfolgte – ein Detail, das von US-Offiziellen als „wild mutiger Tagangriff“ gefeiert wurde, der die Führung „überraschte“. Die Verletzung religiöser Heiligkeit und die Tötung von Zivilisten – darunter Familienmitglieder Khameneis – zeugen von einem Zynismus, der jede moralische Grenze überschreitet.

Strategische Selbstschädigung

Die langfristigen Folgen dieser Politik sind für die Sicherheit Israels und der USA kontraproduktiv. Die Ermordung von Führungspersönlichkeiten radikalisiert Bevölkerungen, delegitimiert moderate Kräfte und führt zu einer Eskalationsspirale, die unkontrollierbar wird. Die Geschichte lehrt: Wer das Schwert zieht, wird vom Schwert fallen. Die Tötung von Archduke Franz Ferdinand 1914 löste den Ersten Weltkrieg aus; die Ermordung politischer Führer im Nahen Osten hat seit Jahrzehnten nur mehr Gewalt gebracht.

Fazit: Die Rückkehr zur Barbarei

Die Tötung Ayatollah Khameneis und die Drohung gegen seine Nachfolger markieren einen Tiefpunkt der internationalen Politik. Sie repräsentieren den Übergang von einer regelbasierten Ordnung zu einer Welt des „Rechts des Stärkeren“, in dem Souveränität nicht mehr durch Verträge geschützt wird, sondern durch Drohnen und Präzisionsbomben zerstört werden kann.

Dies ist nicht Selbstverteidigung – dies ist staatsterroristische Aggression. Die Tatsache, dass Israel und die USA diese Taten öffentlich bejubeln und sogar die Fortsetzung dieser Politik androhen, zeugt von einer moralischen Verrohung, die an die dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts erinnert.

Das Völkerrecht mag komplex und manchmal unbefriedigend sein – doch seine Alternative ist der Krieg aller gegen alle. Wer heute die Ermordung fremder Staatsoberhäupter billigt, öffnet Tür und Tor für eine Zukunft, in dem kein politischer Führer, kein Diplomat, keine Zivilistin mehr sicher ist. Die internationale Gemeinschaft muss diesen gefährlichen Präzedenzfall mit aller Entschiedenheit zurückweisen – nicht aus Sympathie für die iranische Regierung, sondern aus dem Überlebensinteresse einer zivilisierten Weltordnung.

Wir von fuerundwider.org sind überzeugt: Rechtssicherheit und Menschenwürde können nicht mit Raketen erzwungen werden. Und wir verurteilen alle Gewalt aufs Schärfste: Jeder, der Gewalt ausübt – auch Israelis und Amerikaner –, sollte angeklagt und zur Rechenschaft gezogen werden.